Viele Menschen glauben, sie seien einfach willensschwach, wenn sie sich dabei ertappen, schon wieder zu lange durch Reels, Shorts oder TikToks gescrollt zu haben. Aber das ist ein Irrtum. Das Problem liegt nicht in unserem Charakter – es liegt in unserem Gehirn. Genauer gesagt: in einer biologischen Schwachstelle, die von genau diesen Apps systematisch ausgenutzt wird.
Warum also ist es so viel schwerer, sich auf ein Buch zu konzentrieren, kreativ zu sein, ein Instrument zu üben oder sich zum Sport aufzuraffen – aber so leicht, in einem Reels-Rausch zu versinken? Warum fällt es uns so schwer, uns für ein Hobby zu entscheiden, das uns langfristig guttut – aber so leicht, bei etwas zu bleiben, das uns im Grunde leer zurücklässt? Die Antwort liegt im Gehirn. Genauer gesagt: in der Art, wie unser Belohnungssystem mit Dopamin arbeitet – und wie unterschiedlich es auf schnelle Reize und nachhaltige Erfahrungen reagiert.
Manchmal ist es zum Verzweifeln: Man will doch eigentlich etwas tun, das einem guttut. Ein Buch weiterlesen. Endlich mal die Nähmaschine anwerfen. Joggen gehen. Und dann sitzt man trotzdem wieder auf dem Sofa, das Handy in der Hand, scrollt durch Reels – und merkt es erst, wenn die halbe Stunde schon vorbei ist. Man wird nicht süchtig nach Shorts, weil jedes Video so großartig ist – sondern weil das Gehirn einem auf raffinierte Weise beibringt, immer weiterzusuchen. Wie kann es sein, dass das, was uns langfristig stärkt, so schwer zu starten ist – und das, was uns leer zurücklässt, so leicht von der Hand geht?
Die Antwort liegt, wie so oft, im Gehirn. Genauer gesagt: in der Art, wie es Dopamin verarbeitet. Denn Dopamin – das Belohnungshormon – ist nicht nur für Euphorie oder Motivation zuständig, sondern vor allem für eine zentrale Frage: „Was hat sich gelohnt – und was will ich nochmal?" Dabei arbeitet es auf zwei ganz unterschiedliche Arten. Der eine Pfad ist schnell, impulsiv und liebt Überraschungen. Er reagiert auf Neues, Reize, soziale Signale, Likes. Der andere Pfad ist langsamer, geduldiger. Er aktiviert sich, wenn man bei etwas dranbleibt, wenn man konzentriert arbeitet, Fortschritte sieht, einen Plan verfolgt (Douma und de Kloet 2020; Michaelsen und Esch 2021). Man könnte sagen: Der eine Dopaminpfad ruft „Mehr davon!", der andere sagt „Gut, weiter so."
Der erste ist der mesolimbische Pfad – ein evolutionär alter Mechanismus, der dafür sorgt, dass wir überraschende positive Ereignisse besonders stark abspeichern. Wenn wir also unerwartet etwas Gutes erleben – ein besonders witziges Video, eine schöne Nachricht oder einen viralen Hit – schüttet das Gehirn Dopamin aus, damit wir uns merken: Diese Handlung hat sich gelohnt. Aber: Das Gehirn lernt schnell. Beim nächsten Mal wird der Dopaminausstoß nicht mehr durch das Ereignis selbst ausgelöst, sondern durch die Erwartung, dass gleich etwas Gutes passiert. Die Belohnung verschiebt sich zeitlich nach vorne. Die Dopaminspitze entsteht also schon beim Öffnen der App oder beim ersten Swipe (Ihssen und Wadsley 2021).
Und jetzt passiert etwas Paradoxes: Wenn die tatsächliche Belohnung – also der nächste Clip – dann nicht so gut ist wie erhofft, fällt das Dopaminlevel sogar unter den Ausgangswert. Das nennt man einen negativen “Prediction Error” – die erwartete Belohnung bleibt aus, und das Gehirn reagiert mit einem kleinen Tief (Wang und Wang 2025). Das fühlt sich unangenehm an. Deshalb wischen wir weiter. Nicht, weil das letzte Video so toll war – sondern weil das Gehirn die Enttäuschung so schnell wie möglich mit einer guten Erfahrung überdecken will. Genau so entsteht die Scroll-Schleife: Jedes Wischen ist ein Versuch, das Dopamintief zu reparieren, das durch die enttäuschte Erwartung entstanden ist.
Und das ist ein gefährlicher Mechanismus. Denn anders als früher – als Belohnung selten war und man einen reifen Apfel nicht auf Knopfdruck bestellen konnte – kann man heute unendlich oft wischen. Jedes Mal mit dem Gefühl: Vielleicht ist der nächste Clip der eine, der mich wieder fühlen lässt, was ich beim allerersten Mal gespürt habe.
Im Gegensatz dazu funktioniert der mesokortikale Pfad ganz anders. Er begleitet uns, wenn wir lesen, ein Möbelstück bauen oder eine neue Sprache lernen. Hier entsteht keine schnelle Euphorie, sondern ein ruhiges, stabiles Gefühl von Fortschritt, Konzentration und Sinn. Der Dopaminausstoß ist kleiner, aber er trägt uns länger. Dieses System wird aktiv, wenn man dranbleibt, wenn man überwindet, wenn man merkt: „Ich wachse an dieser Aufgabe" (Fraser u. a. 2022; Milbocker u. a. 2024). Der schnelle Dopaminpfad ist wie raffinierter Zucker – süß, schnell, reizvoll, aber in der heutigen Dosis völlig unnatürlich und ungesund. Und genau wie beim Zucker folgt auf den Kick das Tief. Der langsame Pfad hingegen ist wie ein gutes, selbstgekochtes Essen: Es dauert, es fordert – aber es macht satt und zufrieden (Dresp-Langley 2023).
Wer auf Dopamin aus dem schnellen Pfad konditioniert ist, empfindet langsame Tätigkeiten – wie Lesen, Musikmachen, Schreiben, Basteln, Helfen – anfangs als leer, fad oder zu anstrengend (Dresp-Langley 2023). Zum Glück ist das Gehirn aber plastisch. Es kann umlernen. Und je mehr wir den langsamen Pfad füttern – mit echten, sinnhaften Tätigkeiten – desto stärker wird er. Dann wird das Buch spannender, das Gespräch erfüllender, die Joggingrunde motivierender.
Ein kurzer Clip. Zwei Sekunden Spannung. Schnitt. Lachen. Weiter. Vielleicht diesmal ein süßer Hundewelpe. Oder jemand, der beim Tanz auf die Nase fällt. Oder ein Lifehack, der aussieht, als hätte er dein Leben retten können – wenn du ihn dir ganz angeschaut hättest. Was diese Formate so gefährlich macht, ist nicht nur ihr Inhalt – sondern das, was sie mit unserem Belohnungssystem tun. Genauer gesagt: wie sie es austricksen. Denn eigentlich ist dieses System dafür gemacht, uns auf echte Gelegenheiten aufmerksam zu machen: eine reife Frucht, ein seltener Fund, ein überraschender Moment sozialer Nähe. Dinge, die sich nicht vorhersehen lassen, und deshalb beim Eintreten ein kleines Feuerwerk im Gehirn auslösen: Dopamin. Lernen. Wiederholen.
Shorts kopieren genau dieses Prinzip – nur in hochkonzentrierter, algorithmisch optimierter Dauerschleife. Jede Wischbewegung ist ein Versprechen: Vielleicht ist der nächste Clip witziger. Vielleicht berührender. Vielleicht genau deins. Aber anders als in der Natur, wo die Belohnung selten und mühsam war, liegt hier der „Knopf" direkt unter unserem Daumen. Und das verändert alles. Denn wir warten nicht mehr auf Belohnung – wir triggern sie selbst. Und zwar so oft, bis das System abstumpft.
Bei einem Film gibt es einen Aufbau. Es gibt Spannung, Stille, Entwicklung, überraschende Wendungen. Man taucht ein, hat Zeit, mitzufühlen, mitzugehen. Manchmal ist ein Film auch einfach langweilig – und dann schaltet man ab. Bei Shorts ist es umgekehrt: Wenn ein Video langweilt, scrollt man sofort weiter. Kein Aufbau, keine Pause, kein Aushalten. Der nächste Reiz ist immer nur einen Wisch entfernt – und genau das bindet. Denn jedes Weiterwischen ist eine kleine Entscheidung – und jede Entscheidung hält das Belohnungssystem in Alarmbereitschaft.
Das Gehirn merkt sich: Ich kann hier jederzeit selbst aktiv werden, um ein gutes Gefühl zu erzeugen. Und weil das gelegentlich gelingt, bleiben wir dran. Auch wenn der eigentliche Inhalt längst nebensächlich ist. Auch wenn der Spaß schon vor fünf Videos aufgehört hat. Dieses Prinzip nennt man variable Belohnung – eine Strategie, die man auch aus Spielautomaten, Tinder-Swipes, Lootboxen oder Online-Shopping kennt. Immer geht es um den gleichen Trick: Wir wissen nicht, wann es gut wird. Nur, dass es vielleicht gut wird. Und genau dieses „Vielleicht" hält uns gefangen.
So entsteht ein Verhalten, das nicht mehr vom Inhalt, sondern vom System selbst getragen wird. Nicht aus echter Freude. Sondern aus dem Gefühl, dass irgendwo da draußen noch etwas wartet, das sich lohnt. Und wenn es nicht kommt, ist das System so aufgebaut, dass wir uns selbst enttäuschen – aber trotzdem nicht aufhören können.
Douma, E. H., & de Kloet, E. R. (2020). Stress-induced plasticity and functioning of ventral tegmental dopamine neurons. Neuroscience and Biobehavioral Reviews, 108, 48–77. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2019.10.015
Michaelsen, M. M., & Esch, T. (2021). Motivation and reward mechanisms in health behavior change processes. Brain Research, 1757, 147309. https://doi.org/10.1016/j.brainres.2021.147309
Ihssen, N., & Wadsley, M. (2021). A reward and incentive-sensitization perspective on compulsive use of social networking sites: Wanting but not liking predicts checking frequency and problematic use behavior. Addictive Behaviors, 116, 106808. https://doi.org/10.1016/j.addbeh.2020.106808
Wang, J., & Wang, S. (2025). The emotional reinforcement mechanism of and phased intervention strategies for social media addiction. Behavioral Sciences, 15(5), 665. https://doi.org/10.3390/bs15050665
Fraser, K. M., Pribut, H. J., Janak, P. H., & Keiflin, R. (2022). From prediction to action: Dissociable roles of ventral tegmental area and substantia nigra dopamine neurons in instrumental reinforcement. bioRxiv. https://doi.org/10.1101/2022.08.15.501890
Milbocker, K. A., Smith, I. F., & Klintsova, A. Y. (2024). Maintaining a dynamic brain: A review of empirical findings describing the roles of exercise, learning, and environmental enrichment in neuroplasticity from 2017–2023. Brain Plasticity, 9(1–2), 75–95. https://doi.org/10.3233/BPL-230151
Dresp-Langley, B. (2023). From reward to anhedonia: Dopamine function in the global mental health context. Biomedicines, 11(9), 2469. https://doi.org/10.3390/biomedicines11092469